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Fast hat der Alltag die Menschen des Lübbecker Landes eingeholt. Fast kehrt man zurück zum Tempo, geht man mit guten Wünschen zum Neuen Jahr zur Tageordnung über - aber nur fast.
Das Konzert, mit dem sich der Thomaskantor Roger Bretthauer von Espelkamp verabschiedete, unterbrach heilvoll drohende Routine.
Mit „O Magnum Mysterium“ und den Teilen Vier bis Sechs des Weihnachtsoratoriums erlebte die Konzertgemeinde in Espelkamp eine Unterbrechung des Gewohnten.
Stand zu Beginn das staunende Ergriffensein über die Menschwerdung Gottes im Mittelpunkt des Gesanges, so schloss sich nahtlos der Choral „ Fallt mit Danken“ aus dem Weihnachtsoratorium an, das über die Teile Fünf und Sechs in den Triumpfchoral „Ihr seid nun wohlgerochen“ mündete.

Gleich zu Beginn schien man den Atem Gottes zu spüren, es war, als schlage der Puls der Welt durch das „O Magnum Mysterium“ (1995) langsamer. Geheimnisvolle Vielfalt öffnete den musikalischen Raum. Der Chor meisterte sowohl Langsamkeit als auch die Herausforderung bis zur neunstimmigen Einheit hervorragend. Moderne Musik klang wunderschön und berührte tief.

An dieser Grenze sang der Chor fast ohne Atmempause „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“ und schuf so den Übergang zum Weihnachtsoratorium, das den Lobpreis des Names Jesu weiter führte. Mit dem Chor ‚fielen’ auch die Solisten und das Orchester „le nuove musiche“ in das Gotteslob ein.

Christoph Grohman an der Orgel sorgte für den Puls und Simon Linne`an der Theorbe für die Leichtigkeit, die immer wieder spürbar wurde. Besonders fein war die Sopranarie von Veronika Winter im Vierten Teil, deren schöne Stimme an dieser Stelle besonders strahlte.

Als Echo sang Kantoreimitglied Ariane Möller. Die Holzbläser fügten sich in dieses Gespräch wunderbar ein. Die Streicher unterstrichen die Lebendigkeit sowohl im Rezitativ mit dem kraftvollen Bass, gesungen von Hinrich Horn, als auch in der Arie des Tenors Andreas Post, der mit seiner schönen Stimme in Leichtigkeit einen großen Tonumfang meisterte und dabei immer unaufdringlich und fein wirkte.

Als Evangelist war Post der Überbringer der guten Nachricht und machte seinem Namen alle Ehre. Auch wenn man die Geschichte kannte, man fühlte mit, man freute sich, man erschrak, man jubelte. Dazu trug auch immer wieder der Alt Eike Tiedemann bei. Aber auch Angela Winter und Hinrich Horn lieferten mit ihrem ungekünstelten Vortrag einen Beitrag zu einem großen Hörerlebnis.
Der Chor sang sich weiter in die Herzen der Besucherinnen und Besucher.
Beim Beginn des V. Teiles konnte man die Freude des Gotteslobes in den Gesichtern des Chores sehen; und wenn man es nicht besser gewusst hätte, hätte man glauben können, dass der Dirigent ins Schweben kam.

Im Sechsten Teil wurde es noch einmal gefährlich. Die Gegner Christi in Gestalt des Herodes (Horn) suchen hinterlistig nach dem Kind. Aber auch hier drückte sich schon im „Herr, wenn die falschen Feinde schnauben“ das Vertrauen auf Gott aus, das als Bekenntnis den ganzen Teil überstrahlte. Aber „Wo Gefahr ist, ist das Rettende auch“ (F. Hölderlin); und so kommt es zum Wunder der Weihnacht, das in dem langsamen „Ich steh an deiner Krippe hier“ seinen unnachahmlich schönen Ausdruck fand. Diesen Eindruck vertiefte Andreas Post als Evangelist, Rezitator und als Sänger der Arie, dem sich alle Solisten in den letzten Rezitativen anschlossen.
Im Schlusschoral erhält das Bekenntnis von Gottes Menschlichkeit seinen triumphalen Ausdruck. Hier legten sich noch einmal Chor und Orchester ins Zeug und schlossen das großartige Werk ab, das nur noch die Trompeten hätten verbessern können. Nach einer wohltuenden Pause, in dem das Gehörte tiefer gehen konnte, bedankte sich das Publikum für das wunderbare Konzert, mit dem sich der Roger Bretthauer als Dirigent verabschiedet, mit lang anhaltendem stehendem Applaus.
Mit sorgfältig ausgewählten Stücken, Musikern und Solisten hat Bretthauer den Musikfreunden im Lübbecker Land und besonders der Espelkamper Kirchengemeinde ein großes Geschenk gemacht.

Von Cornelia Müller
Espelkamp (WB). An dieses Konzert wird man sich in Espelkamp wohl noch lange erinnern: Am Sonntag hat die Kantorei der Martins-Kirchengemeinde in der Thomaskirche das Weihnachtsoratorium (Teile IV-VI) von Johann Sebastian Bach aufgeführt - zum letzten Mal unter der Leitung von Kantor Roger Bretthauer.
Mit dem Weihnachtsoratorium hat Kantor Roger Bretthauer den Espelkampern in der Thomaskirche ein bewegendes Abschiedsgeschenk gemacht. Zum Dank ernteten die Musiker und ihr Leiter lang anhaltenden Applaus.Fotos: Cornelia Müller
Ein Kantor nimmt Abschied: Roger Bretthauer verlässt Espelkamp mit einem musikalischen Paukenschlag.
Als Solisten begeisterten (von links) Eike Tiedemann (Alt), Hinrich Horn (Bass) und Veronika Winter (Sopran).
Wenn Menschen angesichts des Wunders in der Krippe das Lob Gottes anstimmen, kann das ganz unterschiedlich klingen: Geheimnisvoll schwebend, andächtig und fast überirdisch schön wie in Morten Lauridsens Komposition »O Magnum Mysterium«. Oder triumphierend, mit Pauken und Trompeten und aus überströmendem Herzen wie in Bachs Weihnachtsoratorium. So unterschiedlich diese beiden Werke, die die Kantorei am Sonntag aufgeführt hat, auch waren: Durch das »Halleluja - Lobt Gott« waren beide doch eng miteinander verbunden. Der Gesang der Kantorei brachte das in besonders bewegender Weise zum Ausdruck.
Es war eben kein Konzert wie viele andere, sondern das letzte Konzert Roger Bretthauers als Kantor Espelkamps, der die Stadt verlässt, um eine Stelle in Lippstadt anzutreten. Dieses Konzert war also auch ein Abschiedsgeschenk: Ein Geschenk des Kantors an seine Gemeinde und ein Geschenk der Kantorei an ihren Leiter.
Da gaben die Sänger und Sängerinnen noch einmal alles und noch ein bisschen mehr, meisterten selbst die großen Anforderungen des »O Magnum Mysterium« bravourös und sangen sich beim Weihnachtsoratorium geradezu in einen Rausch der Freude. »Jauchzet, frohlocket! . . . Lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an«: Auch wenn der berühmte Eingangschor des Weihnachtsoratoriums an diesem Nachmittag überhaupt nicht erklang, war er dennoch allgegenwärtig. Die Hingabe, mit der Roger Bretthauer das Konzert leitete, riss alle mit: den Chor, das bis auf wenige kleine Unsicherheiten hervorragende Orchester „Le nuove musiche“ und die vier ausgezeichneten Solisten Veronika Winter (Sopran), Eike Tiedemann (Alt), Andreas Post (Tenor) und Hinrich Horn (Bass), unter denen Andreas Post mit geschmeidiger und ausdrucksstarker Stimme noch einmal besonders herausragte.
Ein besonderes Lob gebührt auch Ariane Möller, die den Echo-Sopran in der Arie »Flößt, mein Heiland« sang. Durch diese großartige Gemeinschaftsleistung konnte sich die Musik und mit ihr die Botschaft, die Bach zu diesem Werk beflügelt hat, in ihrer ganzen Tiefe entfalten.
Mit besonders lang anhaltendem Applaus bedankten sich die knapp 600 Zuhörer in der Thomaskirche bei allen Mitwirkenden des Konzertes. Vor allem aber galt ihr Dank dem, der durch seine Arbeit in Espelkamp das alles erst möglich gemacht hat: Roger Bretthauer.
WB Artikel vom 10.01.2012
Bretthauer ist seit 1998 Kirchenmusiker in Espelkamp.
Er leitet dort die Kantorei, den Gospelchor Vokal Fatal, den Bläserkreis sowie Schulchöre.
In Aufführungen wie der Matthäuspassion und Mozarts Requiem begeisterte er das Publikum ebenso wie in Gottesdiensten. Mit Vokal Fatal gewann er 2008 den Gospelwettbewerb der Region. Bachs Musik gehört ebenso zu seinem Repertoire wie der groovige Sound des Jazz.
Christine Scheele sprach mit dem Espelkamper Thomaskantor:
Herr Bretthauer, wie sind Sie Kirchenmusiker geworden?
B. Die Passacaglia von Bach, die ich im letzten Orgelkonzert gespielt habe, ist schuld, dass ich Kirchenmusiker geworden bin. Als ich 12 war, hörte ich in der Hamburger Jakobi Kirche dieses Orgelwerk und beschloss daraufhin: Das will ich auch können. Meine Grundschullehrerin sagte, ich könne schön singen und solle daraus etwas machen. Ich bin aber ein Spätzünder. Mit zehn habe ich angefangen, Klavier zu spielen, und mit 16 war ich zum ersten Mal im Chor.
Was interessiert Sie am meisten an der Musik?
B. Was mich am meisten interessiert, ist das Musizieren mit Menschen. Es ist spannend, mit ihnen Musik zu erleben. Ich möchte so arbeiten, dass die Menschen in ihrer Seele gestärkt aus der Probe gehen. Sie soll ein Erlebnis sein. Gute Musik ist aber keine Frage des Stils. Bach steht für mich zwar im Zentrum, doch ich kann mich für alles begeistern. Gute Musik darf beim ersten Hören gefallen und sie sollte beim zehnten Mal Hören nicht langweilen.
Kinder, die einfach aus Freude für sich singen, können mich genauso erfreuen wie Chöre, die anspruchsvolle Literatur singen. Dabei ist das Musizieren auch ein geistliches Erlebnis. Bei dem Weihnachtsoratorium, das im Januar aufgeführt wird, kann man es spüren: Die Musik spricht mehr als der Text allein. Das kann der Chor spüren, hoffentlich aber genauso das Publikum.
Was interessiert Sie besonders an der Stelle in Lippstadt?
B. Was mich in Lippstadt reizt, ist zunächst das hohe musikalische Niveau. Mich erwartet eine sehr große Gemeinde mit vielen Gemeindechören, in den viele Menschen musizieren. Das ist spannend zu gestalten.
Wie verlassen Sie Espelkamp?
B. Ich verlasse Espelkamp mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Chöre hier sind auf einem guten Stand. Aber ein Wechsel kann ihnen auch gut tun. Und ich freue mich natürlich auf die Herausforderung in Lippstadt.
Roger Bretthauer führt mit der Espelkamper Kantorei und Solisten am 8. Januar den zweiten Teil des Weihnachtsoratoriums auf. Das ist sein letztes Konzert. Mit seiner Komposition „Die ganze Welt hast du uns überlassen“ verabschiedet sich Bretthauer am 15. Januar im Gottesdienst der Espelkamper Thomaskirche.